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Die zeitliche und inhaltliche Beanspruchung durch wahrgenommene Aufsichtsratsmandate ist weiter deutlich angestiegen. Dabei spielt u. a. auch das Thema Digitalisierung eine immer wichtigere Rolle. Gleichzeitig nehmen aber auch die Haftungsrisiken für Aufsichtsräte bei Pflichtverletzungen mindestens ebenso stark zu.

So sieht etwa der Regierungsentwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Finanzmarktintegrität (FISG) vor, dass alle Unternehmen von öffentlichem Interesse, worunter insbesondere alle kapitalmarktorientierten Unternehmen zu verstehen sind, künftig die Verpflichtung zur Bildung eines Prüfungsausschusses haben. Aus dem „kann“ nach derzeitiger Rechtslage wird also künftig ein „muss“. Außerdem muss mindestens ein Mitglied des Prüfungsausschusses über Sachverstand auf dem Gebiet Rechnungslegung und mindestens ein weiteres Mitglied des Prüfungsausschusses über Sachverstand auf dem Gebiet Abschluss verfügen. Nach der aktuellen Fassung des § 100 Abs. 5 AktG wird Sachverstand alternativ in Rechnungslegung „oder“ Abschlussprüfung vorausgesetzt. Die Ersetzung im Regierungsentwurf durch das Wort „und“ soll sicherstellen, dass im Aufsichtsrat Sachverstand sowohl bezüglich der Rechnungslegung als auch der Abschlussprüfung vorhanden ist. Der Referentenentwurf sah dies übrigens so noch nicht vor. Ferner wird durch das Wort „weiteres“ klargestellt, dass der Sachverstand auf zwei Personen im Aufsichtsrat verteilt sein muss.

Wie eine aktuelle Auswertung von Spencer Stuart aller DAX-30-Unternehmen sowie 38 Unternehmen aus dem M-DAX, S-DAX und Tec-DAX darüber hinaus zeigt, sind auch im längerfristigen Vergleich die Kontrollpflichten und Anforderungen an Aufsichtsratsmitglieder substanziell angestiegen. Das zeigt sich zum einen an der Zahl der jährlichen Sitzungen, die sich von durchschnittlich 4,6 in 2008 auf 7,1 in 2020 erhöht hat. Gleichzeitig verteilt sich die Kontrollarbeit auf weniger Schultern, denn die Gremiengröße hat sich seit 2010 von durchschnittlich 16 auf aktuell 14 Personen verringert. Hinzu kommen häufig regelmäßige Treffen in verschiedenen Ausschüssen. Im Schnitt gibt es in den untersuchten Unternehmen vier Ausschüsse mit unterschiedlichen Funktionen und Sitzungszyklen.

Bei 97 Prozent der untersuchten Unternehmen gibt es bereits einen Prüfungsausschuss. Dagegen haben nur 7 Prozent der Unternehmen (und zwar ausnahmslos Finanzinstitute, die auch laut KWG dazu verpflichtet sind) ein Risikokomitee. Ferner wird in fast der Hälfte der untersuchten Unternehmen jetzt regelmäßig die Unternehmensstrategie im Aufsichtsrat diskutiert. Noch vor sechs Jahren waren solche Strategie-Meetings nur bei jedem dritten Unternehmen üblich.

Aktuelle Unternehmens- und Bilanzskandale verdeutlichen aber auch die gestiegenen Haftungsrisiken für Aufsichtsräte. Bei Bilanzfälschungen oder mutmaßlichen kriminellen Handlungen von Vorständen wird zunehmend die Frage nach einer möglichen Mitverantwortung oder schuldhaften Pflichtverletzung der Aufsichtsräte aufgeworfen. Aufsichtsräte haben die Pflicht, den Vorstand zu beraten und zu kontrollieren, das interne Kontrollsystem zu prüfen sowie Zahlen und Strategie kritisch, aber konstruktiv zu hinterfragen. Nur so können sie sich jederzeit ein vollständiges und differenziertes Bild von der Lage des Unternehmens bilden. In diesem Zusammenhang drängen institutionelle Investoren und Stimmrechtsberater immer stärker auf wirklich unabhängige Aufsichtsräte. Dies erklärt auch, dass der Anteil der Aufsichtsratsvorsitzenden im DAX-30, die zuvor auch Vorstand desselben Unternehmens waren, kontinuierlich sinkt.

Zum Autor:

Dr. Klaus Weigel ist seit 2007 Geschäftsführender Gesellschafter der Board Xperts GmbH, Frankfurt am Main. Die Board Xperts GmbH ist spezialisiert auf die Vermittlung qualifizierter Aufsichtsräte und Beiräte. Dr. Weigel war 25 Jahre im Corporate-Finance- und Private-Equity-Geschäft in leitender Funktion und als Mitglied in Beiräten und Aufsichtsräten tätig. Er ist zugleich Mitgründer und Vorstandsmitglied der Vereinigung Aufsichtsräte Mittelstand in Deutschland e.V. (ArMiD).

E-Mail: klaus.weigel@board-experts.de